Statement zur Werbung „Erfurts längste Beine“

Die Debatten um die Werbemaßnahmen zweier Thüringer Volleyball-Damen-Teams sind auch in unserem Sportverein angekommen. Unser Verein besteht seit sechs Jahren; wir trainieren koedukativ und haben aktuell sowohl ein geschlechter-gemischtes als auch ein Frauenteam, welches im Punktspielbetrieb aktiv und in dieser Saison von der dritten in die zweite Bundesliga aufgestiegen ist.

Die Plakatwerbung der Agentur Blueline für das Erfurter Damen Volleyball-Team, wie sie derzeit in Erfurt großformatig an Straßenbahnhaltestellen zu sehen ist, hat viele unserer Sportler*innen getroffen und verärgert. Hierzu einige erklärende Gedanken:

Leider zeichnet sich unsere Gesellschaft nicht durch ein gleichgestelltes, diverses Frauenbild aus. Frauen dienen in der Werbung oft als Symbolträgerinnen für Schönheit, Zartheit oder Verletzlichkeit, worüber beworbene Produkte, oft in keinem sinnhaften Zusammenhang, verkauft werden sollen. So begegnen uns im öffentlichen Raum überproportional häufig schlanke, weiße Frauen, die meistens nichts anderes tun, als schöne Bekleidung zu tragen, schön geschminkt zu sein und schön zu lächeln. Das ist ein Baustein dessen, was wir als Sexismus verstehen.

Dieses Frauenbild ist jedoch nicht nur öde, es hat darüber hinaus messbaren negativen Einfluss auf die Gesundheit von Mädchen und Frauen. Studien zu Ernährungsstörungen werden seit mindestens 20 Jahren erstellt – und zeigen ebenso lang, wie schädlich sich die gängige Schönheitsnorm auswirken kann, die eben auch in sexistischer Werbung reproduziert wird. Viel zu selten werden dagegen Frauen als starke Sportlerinnen, mutige Retterinnen oder selbstbewusste Strateginnen dargestellt.

Aus diesem Grund widersprechen wir der Einschätzung verschiedener Medien, dass es sich im konkreten Fall um ein „Aufreger-Thema“ handelt, dem eigentlich nicht so viel Aufmerksamkeit beigemessen werden sollte. Im Gegenteil: Die Bilder von schönen, schlanken, passiv lächelnden Frauen sind Teil einer Gesellschaft, in der Frauen viel häufiger von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffen sind.
Der Hinweis der Agentur auf die Zustimmung der dargestellten Spielerinnen erscheint uns darüber hinaus als ein Sich-aus-der-Verantwortung-Ziehen und ein Totschlagargument gegen jegliche Kritik an der Darstellung. Frauenkörper werden benutzt, um Dinge zu bewerben und zu verkaufen, die mit einer derartigen Inszenierung eigentlich absolut nichts zu tun haben – so wie eben Abendkleider, High-Heels, perfektes Make-Up und gestylte Haare wenig mit dem schnellen, strategischen und ausdauernden Volleyball-Spiel der Erfurterinnen in der 1. Bundesliga zu tun haben. Da auf dem Plakat keine Spieltermine zu finden sind, scheint die Provokation und die Diskussion von Anfang an eingeplant gewesen zu sein. Möglicherweise war die Debatte um die Suhler Volleyballerinnen eine Ideengeberin.

Roller Derby Erfurt spricht sich vor diesem Hintergrund mit Nachdruck dafür aus, Sportlerinnen so darzustellen, wie sie auch sind: schnell, ausdauernd, kraftvoll, angestrengt, aggressiv, strategisch, emotional, verschwitzt, kämpferisch… Wir wollen in unserem Alltag Sportlerinnen sehen, die diese Eigenschaften widerspiegeln, die Fähigkeiten und nicht eine gefällige Optik in den Fokus rücken. Darüber hinaus stehen wir für ein diverses Körperbild ein – wir versuchen mit gutem Beispiel voranzugehen: Im Roller Derby sind alle Beinlängen und -breiten vertreten und willkommen. Und by the way: Auch ganz ohne Beine können Menschen bewundernswerte Sportler*innen sein.

Wir fordern, dass auf die sexistische Darstellung konstruierter Schönheit im öffentlichen Raum zu Gunsten einer tatsächlich gleichberechtigten Art und Weise der Darstellung von Frauen* verzichtet wird!

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